Bilder April 2026

Perfekt inszeniert: So geht betteln in Venedig

Bettler in Venedig

Seit Jahren lässt sich in den Gassen Venedigs ein Schauspiel beobachten, das scheinbar bis ins Detail perfektioniert wurde: die gezielte Inszenierung von Armut und Hilflosigkeit.

Man sieht sie oft in den Durchgangsstraßen abseits des Markusplatzes: Gestalten, die tief gebeugt auf dem Pflaster knien, fast liegend, scheinbar erdrückt von der Last des Lebens. Gehüllt in graue Lumpen, das Gesicht unter einem Kopftuch verborgen.

Doch der Schein trügt oft. Wer genauer hinsieht, erkennt an der glatten Haut der Hände, dass sich unter der Verkleidung oft sehr junge Menschen verbergen, die das Bild des Jammers für die Passanten aufrechterhalten.

Die Standortwahl der Inszenierung Diese Form des Bettelns folgt einer klaren Logik. Direkt auf dem Markusplatz würde die Polizei sofort einschreiten. Daher ziehen sich die Personen in die belebten Seitengassen des Stadtgebiets zurück. Dort ist die Frequenz an Touristen hoch genug, aber der Druck durch die Sicherheitskräfte geringer.

Die Psychologie des Bechers Sogar der Inhalt des Spendenbechers ist kalkuliert. Man findet darin selten wertlose Ein- oder Zwei-Cent-Münzen. Stattdessen liegen oft ein oder zwei Euro-Stücke als „Anreiz“ bereit. Es wird suggeriert, dass dies der angemessene Betrag sei. Zu viel darf es jedoch auch nicht sein: Ein 100-Euro-Schein würde die Spendenbereitschaft eher bremsen, da er die Glaubwürdigkeit der akuten Notlage untergraben könnte. Es ist ein stilles, aber höchst effizientes Geschäft mit dem Mitgefühl der Besucher.

Jay Maisel

Jay Maisel ist in der Welt der Fotografie eine absolute Legende – weniger wegen seiner Technik, sondern vor allem wegen seiner unverblümten, kantigen und gleichzeitig tiefgründigen Persönlichkeit. Wenn man beschreiben will, was für ein Mensch er ist, fallen oft Begriffe wie „Urgestein“, „Philosoph“ und „Street-Smart“.

Hier ist ein Porträt seines Charakters:

1. Der „lautstarke Denker“

Maisel beschreibt sich selbst oft als „laut, vulgär und nachdenklich“. Er ist kein Freund von geschönter Sprache oder kompliziertem „Foto-Sprech“. Er flucht gerne (sein inoffizielles Motto lautet schlicht: „F**k it“), aber hinter dieser rauen New Yorker Schale steckt ein extrem präziser Beobachter mit einem tiefen Verständnis für Kunst und Ästhetik.

2. Ein Purist der Wahrnehmung

Sein Charakter ist geprägt von einer fast radikalen Ehrlichkeit. Er hasst Bildmanipulation oder künstliche Inszenierung. Für ihn ist die Welt, so wie sie ist, interessant genug. Er besitzt die seltene Gabe, im „Müll“ (den er übrigens leidenschaftlich sammelt) Schönheit zu sehen.

  • Kein Plan ist der beste Plan: Er geht nie mit einer festen Bildidee aus dem Haus. Seine Offenheit gegenüber dem Zufall spiegelt eine extrem neugierige und flexible Geisteshaltung wider.

3. Der „Workaholic“ mit Leidenschaft

Trotz seines Erfolgs ist er nie bequem geworden. Sein Arbeitsethos ist legendär:

  • Disziplin: Er predigt (und lebt), dass Talent nichts wert ist, wenn man nicht härter arbeitet als alle anderen.
  • Enthusiasmus: Er hat sich bis ins hohe Alter eine fast kindliche Begeisterung für Licht und Farbe bewahrt. Er sagte einmal, seine größte Leistung sei es, seinen „Enthusiasmus und seine Arroganz“ nie verloren zu haben.

4. Ein strenger, aber großzügiger Mentor

Als Lehrer ist Maisel gefürchtet und geliebt zugleich. Er ist kein „Händchenhalter“. Wenn ein Foto schlecht ist, sagt er das direkt und ohne Umschweife („Cut the shit“). Gleichzeitig gilt er als extrem großzügig darin, sein Wissen zu teilen. Er möchte nicht, dass seine Schüler wie er fotografieren, sondern dass sie lernen, selbst zu sehen.

5. Der Inbegriff des New Yorkers

Er ist untrennbar mit New York City verbunden. Er wirkt wie eine Figur aus einem alten Schwarz-Weiß-Film: schlagfertig, direkt, ein bisschen einschüchternd, aber mit einem großen Herzen für das Menschliche. Seine langjährige Wohnung, ein riesiges ehemaliges Bankgebäude im Bowery-Viertel (das „Bank Building“), war das Spiegelbild seiner Seele: ein gigantisches Archiv aus gesammelten Fundstücken, Erinnerungen und Millionen von Fotos.


Zusammenfassend: Jay Maisel ist ein Mensch der extremen Präsenz. Er lebt völlig im Moment, verachtet Heuchelei und sucht in allem – egal ob Mensch, Pfütze oder rostiges Metall – nach dem „Ausdruck“ (dem Wesenhaften).

Rate mal wer diesen Text verfasst hat? Natürlich die KI, wer sonst?

Das was mir am besten gefällt: Er tritt nicht als Guru auf. Er sammelt keine Schar Jünger um sich. Er will, dass andere auch anders sein dürfen. Und ohne dass ich es wusste: Er und sein Freund oder Partner Scott Kelby haben den gleichen Buchaufbau. Eine kurze Einleitung und dann ein Bild pro Seite und der Rest ist erklärender Text dazu.

Und noch einige Zitate von ihm, die mir soooo gut gefallen:

„Beweg deinen Arsch.“ (Move your ass.) — Maisels wohl berühmtester Rat, wenn es darum geht, die richtige Perspektive zu finden, anstatt nur zu zoomen.

„Habe immer eine Kamera dabei. Es ist verdammt schwer, ein Foto ohne eine zu machen.“

„Wenn du draußen bist und fotografierst, werden Dinge passieren. Wenn du nicht draußen bist, wirst du nur davon hören.“

Er ist und denkt wie Albert Dros: „Wenn man nicht unterwegs ist, passiert sowieso nichts.“

Fantasie

Seit Tagen blüht der Goldregen. Seit Tagen wünsche ich mir „Schön Wetter“, blauer Himmel und absolute Windstille. Aber wie heißt es so schön: Das (Fotografen-) Leben ist kein Wunschkonzert. Und da ich fast täglich draußen bin, und da ich mittlerweile das Licht besser kenne als zu Beginn, weiß ich, dass dieses Motiv noch besser, noch viel besser geht. Aber wenn unser Herrgot kein besseres Licht schickt, muss er halt mit diesem Bild zufrieden sein.

Ich glaube, jeder Mensch muss irgendwann in seinem Leben entscheiden, was er macht. Ich glaube daran – ich will einfach daran glauben –, dass der Homo sapiens dies bewusst macht. Dass er sich bewusst entscheidet, wo er leben will, wie er leben will, wie er sich kleiden will, wohin er reisen will und mit wem er zusammenleben will. Aber nichts ist fix.

Ich glaube nicht, dass man jeden Tag stundenlang darüber philosophiert, wie man am nächsten Tag leben will oder wo man am nächsten Tag leben will. Aber von Zeit zu Zeit, in Intervallen, muss das jeder selbst bestimmen; sollte man sich diese Gedanken machen.

Und das Gleiche gilt natürlich auch für uns Fotografen.

Eine der ersten und frühesten Entscheidungen ist, ob ein Fotograf sein Medium als Kunst ansieht oder nicht. Entsprechend werden sein Verhalten, seine Ausrichtung, seine Orientierung und auch seine Bilder sein. Unabhängig vom Genre, unabhängig vom Ort, muss jeder entscheiden, wie er persönlich und individuell die Fotografie sieht.

Und unbestritten ist auch nach meinem Verständnis: Kreativität. Irgendetwas nur zu machen, weil man es schon immer so gemacht hat? Ach Gott, was ist denn das für ein Menschenbild! Auch die Fotografie lebt von Kreativität, von Fantasie und auch von ständigen Versuchen. Immer das Gleiche machen, nur weil man das so macht? Ach du liebe Zeit, wie schlimm!

Es geht um Kreativität und Fantasie. Es heißt: „Not macht erfinderisch“. Ich bin weit davon entfernt, dass Lebensweisheiten und Kalendersprüche mein Leben bestimmen. Aber ich merke es bei mir jedes Mal in Venedig: ein Übermaß, ein extremer Überfluss an Motiven, an „besten“ Motiven, an den schönsten Motiven. Und die Erwartung von mir an mich, ist so hoch wie der Campanile. Das stresst mich.

Da ist es mir schon lieber, mit bedecktem Himmel am zweiten April durch Wolfratshausen zu gehen und hier Bilder zu machen und hier meine Kreativität und Fantasie zu schulen.