Das Bildsprache Element: Rahmen

Framing, auf Deutsch Rahmen, gehört zu den klassischen Gestaltungsmitteln der Fotografie und wird in praktisch jedem Fotolehrbuch behandelt. Für mich ist es weit mehr als nur eine Gestaltungsregel – es ist ein wichtiges Element der Bildsprache.
Links: Der Blick des Betrachters wandert nach links und stößt auf den Waldrand. Intuitiv wird klar: Hier gibt es nichts mehr zu entdecken. Ein größerer Bildausschnitt würde lediglich noch mehr Bäume zeigen – ohne zusätzlichen Bildinhalt.
Rechts: Dasselbe gilt für die rechte Seite. Auch hier bilden die Bäume einen natürlichen Abschluss des Bildes. Den Bildausschnitt weiter nach rechts zu erweitern, würde das Bild nicht bereichern.
Oben: Der obere Bildrand wird durch den blauen Himmel begrenzt. Auch hier entsteht der Eindruck: Mehr Himmel würde keinen Mehrwert schaffen. Ein Hochformat wäre deshalb die deutlich schwächere Wahl.
Unten: Am unteren Bildrand verhält es sich genauso. Die Wiese erfüllt ihre Aufgabe als Abschluss des Bildes. Mehr davon würde die Aussage des Fotos nicht verstärken.
So lenken alle vier Bildränder den Blick des Betrachters zur Bildmitte. Dort befinden sich die Häuser – das eigentliche Motiv. Das Framing sorgt dafür, dass der Blick nicht aus dem Bild herauswandert, sondern immer wieder zum Zentrum zurückgeführt wird.
Zugegeben: Die Häuser reißen einen Wolfratshauser nicht gerade vom Hocker. Wer hier lebt, sieht solche Motive jeden Tag. Doch genau darum geht es mir in diesem Beispiel nicht.
Entscheidend ist für mich die Erkenntnis, wie wirkungsvoll Framing die Wahrnehmung eines Bildes steuern kann. Dieses Gestaltungsmittel bewusst zu erkennen und gezielt einzusetzen, ist für mich ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer stärkeren Bildsprache. Wenn dann die wirklich interessanten Motive vor der Kamera stehen, möchte ich dieses Werkzeug ganz selbstverständlich nutzen können.
Die Bildsprache Elemente: Oben bzw. Unten


Die Bedeutung dieser beiden Elemente der Bildsprache entspricht weitgehend ihrer räumlichen Anordnung: oben und unten.
Bildelemente, die wir Fotografen im oberen Bereich eines Bildes platzieren, wirken auf den Betrachter meist wichtiger, erhabener, stärker oder überlegen. Dagegen werden Elemente im unteren Bildbereich eher mit Unterlegenheit, Schwäche, Abhängigkeit, Kleinheit oder geringerer Bedeutung assoziiert.
Diese Wirkung beruht auf unbewussten Wahrnehmungsmustern und kann gezielt eingesetzt werden, um die Bildaussage zu verstärken. Besonders deutlich wird diese Bildwirkung durch den bewussten Einsatz des Hochformats. Es betont die vertikale Anordnung der Bildelemente und verstärkt damit die Wahrnehmung von „oben“ und „unten“.
Im bekannten Porträt von Annie Leibovitz mit Elon Musk und seiner Mutter lässt sich dieses Prinzip ebenfalls erkennen. Seine Mutter ist etwas höher im Bild platziert – nicht viel, aber deutlich wahrnehmbar.
Annie Leibovitz nutzt hier außerdem ein weiteres Element der Bildsprache. Häufig wandert der Blick des Betrachters zunächst zu den hellsten Bildbereichen. Da Musks Mutter eine weiße Bluse trägt und sich vor einem dunkelgrünen Hintergrund befindet, fällt der Blick des Betrachters zunächst auf sie – und nicht auf den Milliardär.
Hinzu kommt, dass sie sich nahezu in der Bildmitte befindet – ein weiteres Gestaltungsmittel, das die Aufmerksamkeit des Betrachters lenkt.
Für mich zeigt dieses Bild sehr eindrucksvoll, wie mehrere Elemente der Bildsprache gleichzeitig eingesetzt werden können. Es ist daher kein Zufall, dass Annie Leibovitz zu den bekanntesten und gefragtesten Fotografinnen der Welt gehört. Dabei spielt es letztlich keine entscheidende Rolle, ob sie diese Bildgestaltung bewusst oder intuitiv gewählt hat. Die Wirkung der Bildsprache entfaltet sich beim Betrachter ebenfalls weitgehend unbewusst.
Bildsprache: von links nach rechts


Normalerweise lesen und schreiben wir in der westlichen Kultur von links nach rechts.
Mitten im Satz angekommen, liegt der Satzanfang bereits in der Vergangenheit, während der restliche Satz noch in der Zukunft liegt. Diese gewohnte Leserichtung beeinflusst auch unsere Bildwahrnehmung. Als Fotografen können wir sie deshalb gezielt als Element der Bildsprache einsetzen.
So liegt es nahe, die S-Bahn im oberen Bild als ins Bild hineinfahrend wahrzunehmen. Die S-Bahn im rechten Bild wirkt dagegen, als würde sie das Bild bereits wieder verlassen. Die Bewegungsrichtung von links nach rechts unterstützt diesen Eindruck und verleiht dem Bild eine unterschiedliche Wirkung – obwohl sich die beiden Fotos nur durch ihre Ausrichtung unterscheiden.
Bildsprache mit Farbe

Dass der Blick des Betrachters häufig zuerst auf helle oder weiße Bildbereiche fällt, ist unter Fotografen allgemein anerkannt und wird bewusst genutzt.
Auch die Farbe Rot besitzt eine starke Signalwirkung. Sie zieht unsere Aufmerksamkeit besonders schnell auf sich. Ein wesentlicher Grund dafür dürfte sein, dass Rot die Farbe des Blutes ist. Blut – ob das eigene oder das anderer Menschen oder Tiere – besitzt für uns eine hohe biologische Bedeutung und löst deshalb eine besonders starke Wahrnehmungsreaktion aus.
Diese Signalwirkung macht sich nicht nur die Fotografie zunutze. Auch in vielen Bereichen des täglichen Lebens wird sie gezielt eingesetzt. Verkehrszeichen, Absperrungen sowie Warn- und Hinweisschilder arbeiten häufig mit den Farben Rot und Weiß, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und wichtige Informationen sofort ins Auge fallen zu lassen.
Die Wirkung der Bildsprache beschränkt sich also keineswegs auf die Fotografie. Sie begegnet uns überall dort, wo Informationen schnell wahrgenommen und intuitiv verstanden werden sollen.
Aussagen, Aussagen überall Aussagen

Scheinbar ein „ganz normaler Balkon“ in Wolfratshausen. Und doch sagt er etwas über die Bewohner hinter dem Balkon aus. Sozusagen die individuelle Balkonsprache.
Oben der Balkon ist bunt, vielfältig, farbenfroh, geschmückt, lebensfroh, usw.
Unten der Balkon ist leer, nüchtern, sachlich, ungeschmückt. Auch das sagt etwas über die Bewohner aus.
Und ich meine dies alles ohne Bewertung. Jedem das seine. Aber es sagt halt etwas aus. Es drückt etwas aus.
Alles drückt etwas aus: Wie wir Menschen uns kleiden. Wie wir gehen: Aufrecht oder gebeugt. Schnell und gezielt oder langsam und tippelnd. Welches Auto wir fahren. Welchen Beruf wir haben. Wie wir leben, wo wir leben, welches Beziehungen wir eingehen, was wir essen, wie unsere Wohnung eingerichtet ist, im Innern und im Außen, usw. Alles zählt. Oder wie ich einmal gelesen habe: Wir können NICHT „nichtkommunizieren.“ Selbst wenn wir den ganzen Tag zuhause auf dem Sofa liegen, sagt das etwas über uns aus. Alles zählt.
Sowie alle Bilder die wir Fotografen machen, auch eine Bild-Aussage haben. Deshalb ist das Beherrschen der Bildsprache so wichtig.
Jeder der sich in Italien mit den Bewohnern unterhält (kommuniziert), muss möglichst viele Worte und natürlich die Grammatik der italienischen Sprache beherrschen.
So muss ein guter Fotograf auch möglichst viele Elemente (Worte) der visuellen Kommunikation beherrschen. Seine Bilder sagen etwas über ihn aus. Und der Betrachter sollte es auch erkennen. Dann ist er ein Meister seines Fachs.
Bildsprache: Einsam und allein

Es wird oft gesagt, dass man allein sein kann, ohne sich einsam zu fühlen – und umgekehrt mitten in einer Menschenmenge zutiefst einsam sein kann. Obwohl beide Begriffe oft im selben Atemzug genannt werden, beschreiben sie völlig unterschiedliche Zustände.
- Allein beschreibt einen äußeren Zustand: Man ist ohne andere Menschen. Das muss weder gut noch schlecht sein.
- Einsam beschreibt ein inneres Gefühl: Man fühlt sich verlassen, isoliert oder wünscht sich mehr Nähe und Kontakte.
- Man kann allein sein, ohne einsam zu sein, zum Beispiel wenn man Ruhe genießt oder bewusst Zeit für sich nimmt.
Beide Zustände beschreiben jedoch starke emotionale Zustände und beide sind menschlich: Sowohl das Bedürfnis nach Rückzug (Alleinsein) als auch das Gefühl von Einsamkeit (als Signal, dass uns soziale Kontakte fehlen) sind völlig normale, menschliche Erfahrungen.
Allein sein ist eine Superkraft: Es hilft uns, zu uns selbst zu finden, kreativ zu sein und den Akku aufzuladen.
Einsamkeit ist ein Warnsignal: Sie funktioniert wie Hunger oder Durst – sie zeigt uns, dass uns etwas Lebenswichtiges fehlt: echte, tiefe Verbindung zu anderen.
Bildsprache: Leben

Leben ist überall möglich. Auch wenn es wie hier, nur für kurze Zeit möglich ist. Egal wie lange ein Leben dauert, dort wo sich die Chance bietet, wird sie wahrgenommen.
- Leben zögert nicht lange.
- Leben überlegt nicht lange: Soll ich oder soll ich nicht?
- Leben wägt nicht endlos lange die Risiken und Chancen gegeneinander ab.
- Leben nutzt selbst die kleinste Chance aus.
- Leben ist stark.
Bilder die Leben zeigen stehen für Kraft, Stärke, Mut, Ausdauer, Energie, Optimismus. Wer diese Attribute in seinen Bildern ausdrücken will, zeigt Leben.
Bildsprache: Tod

Das gleiche Motiv, nur ein paar Tage später. Aus Maus, basta, vorbei. Aber aufrecht bis in den Tod: Voller Stolz: Ich habe es wenigstens probiert. Ich habe gelebt.
Oder wie man so schön sagt: Verlierer finden Ausreden, Gewinner finden Lösungen.
Bildsprache Tod: Auch das gehört dazu: Tod, Ende, Niedergang, Vergänglichkeit. Wenigstens als Mahnung an die noch Lebenden: Nutze Deine Zeit, Du weißt nie wie lange Du hier bist.
Bildsprache Tod: Ein starker Ausdruck. Eine starke Aussage.
Widersprüchliche visuelle Kommunikation

Nochmals Bildsprache Tod. Aber widersprüchlich in der visuellen Kommunikation.
Im Tod ist man normalerweise nicht mehr aufrecht,. Und es scheint nicht lebendbejahend die Sonne. Der Farbkontrast ist in Ordnung. Grün mit Braun harmoniert zusammen. Aber der Tod ist kein harmonisches Ereignis, bzw. Motiv.
Das ist vergleichbar damit, wenn wir uns um täglichen Leben unterhalten (Verbale Kommunikation) und ein bestimmt Thema ausdrücklich verneinen aber irritierend dazu immer mit dem Kopf nicken. Also bejahende Signale aussenden. Oder wir bejahen ein Thema und schütteln immer den Kopf dazu. Kommunikation kann auch verwirren.
Verbale Kommunikation: Durcheinander Reden

Wir kennen alle die Situation, wenn wir uns in einem voll besetzen Restaurant oder in einem Bierzelt, mit anderen Menschen unterhalten wollen. Kaum möglich. Jeder redet durcheinander, die Hintergrund Geräuschs Kulisse ist nur schwer zu übertönen. Wir können alle zusammen singen aber nicht zusammen reden. Nur mit großer anstrengender Lautstärke können wir dagegen angehen.
Diesen Kommunikationsfehler können wir Fotografen auch machen. Könner wissen: der Hintergrund ist genauso wichtig wie das Motiv.
Visuelle Kommunikation: Hintergrund

Nur 2 Meter weiter nach links gehen und die Sache wird klar. Der Hintergrund verdeckt nicht mehr das Motiv. Das Bild hat eine klare verständliche Aussage.
In jedem Fotolehrbuch steht die Aussage: Unsere Beine sind besser als jedes Zoom Objektiv.
Bildsprache: Aufwärts, optimistisch

Ich glaube fest an die Elemente einer gelungenen Bildsprache. Auch wenn es sich hier scheinbar nur um Geometrie handelt. Ich glaube dass Linien, die von links unten nach rechts oben ins Bild zeigen einen aufsteigenden, positiven, optimistischen Sachverhalt ausdrücken.
Doch irgendwie passt das welke, tote, absterbende Blatt nicht zu dieser positiven Aussage.
Bildsprache: Abwärts, Niedergang

Also habe ich das selbe Motiv nochmals mit anderer Kamera Position fotografiert.
Ja, ich weiß, dass sich Bildsprache nicht immer und nur auf Geometrie reduzieren lässt. Aber teilweise passt es zusammen.
Bildsprache: Wachstum

Wir Menschen wissen zwar, dass exponentielles Wachstum in der Natur nicht vorkommen kann. Aber jeder von uns, und wenn er nur eine einzige Aktie hat, hofft und träumt insgeheim drauf.
Bildsprache: Wachstum geht von links unten nach rechts oben. Ein optimistisches Zeichen, eine optimistische Bildaussage. Wer es nicht glaubt, der lese weiter:
Bildsprache: Niedergang

Das gleiche Bild wie oben nur vertikal gespiegelt. Die Tendenz zeigt eindeutig nach unten. (Schon wieder Geometrie in der Bildsprache).
Bildsprache ist wichtig. Auch wenn das Motiv nicht wie hier, das Hauptmotiv ist. Selbst wenn im Hintergrund etwas nach unten zeigt, löst es diese Reaktion beim Betrachter aus.