Perfekt inszeniert: So geht betteln in Venedig

Seit Jahren lässt sich in den Gassen Venedigs ein Schauspiel beobachten, das scheinbar bis ins Detail perfektioniert wurde: die gezielte Inszenierung von Armut und Hilflosigkeit.
Man sieht sie oft in den Durchgangsstraßen abseits des Markusplatzes: Gestalten, die tief gebeugt auf dem Pflaster knien, fast liegend, scheinbar erdrückt von der Last des Lebens. Gehüllt in graue Lumpen, das Gesicht unter einem Kopftuch verborgen.
Doch der Schein trügt oft. Wer genauer hinsieht, erkennt an der glatten Haut der Hände, dass sich unter der Verkleidung oft sehr junge Menschen verbergen, die das Bild des Jammers für die Passanten aufrechterhalten.

Die Standortwahl der Inszenierung Diese Form des Bettelns folgt einer klaren Logik. Direkt auf dem Markusplatz würde die Polizei sofort einschreiten. Daher ziehen sich die Personen in die belebten Seitengassen des Stadtgebiets zurück. Dort ist die Frequenz an Touristen hoch genug, aber der Druck durch die Sicherheitskräfte geringer.
Die Psychologie des Bechers Sogar der Inhalt des Spendenbechers ist kalkuliert. Man findet darin selten wertlose Ein- oder Zwei-Cent-Münzen. Stattdessen liegen oft ein oder zwei Euro-Stücke als „Anreiz“ bereit. Es wird suggeriert, dass dies der angemessene Betrag sei. Zu viel darf es jedoch auch nicht sein: Ein 100-Euro-Schein würde die Spendenbereitschaft eher bremsen, da er die Glaubwürdigkeit der akuten Notlage untergraben könnte. Es ist ein stilles, aber höchst effizientes Geschäft mit dem Mitgefühl der Besucher.
Jay Maisel

Jay Maisel ist in der Welt der Fotografie eine absolute Legende – weniger wegen seiner Technik, sondern vor allem wegen seiner unverblümten, kantigen und gleichzeitig tiefgründigen Persönlichkeit. Wenn man beschreiben will, was für ein Mensch er ist, fallen oft Begriffe wie „Urgestein“, „Philosoph“ und „Street-Smart“.
Hier ist ein Porträt seines Charakters:
1. Der „lautstarke Denker“
Maisel beschreibt sich selbst oft als „laut, vulgär und nachdenklich“. Er ist kein Freund von geschönter Sprache oder kompliziertem „Foto-Sprech“. Er flucht gerne (sein inoffizielles Motto lautet schlicht: „F**k it“), aber hinter dieser rauen New Yorker Schale steckt ein extrem präziser Beobachter mit einem tiefen Verständnis für Kunst und Ästhetik.
2. Ein Purist der Wahrnehmung
Sein Charakter ist geprägt von einer fast radikalen Ehrlichkeit. Er hasst Bildmanipulation oder künstliche Inszenierung. Für ihn ist die Welt, so wie sie ist, interessant genug. Er besitzt die seltene Gabe, im „Müll“ (den er übrigens leidenschaftlich sammelt) Schönheit zu sehen.
- Kein Plan ist der beste Plan: Er geht nie mit einer festen Bildidee aus dem Haus. Seine Offenheit gegenüber dem Zufall spiegelt eine extrem neugierige und flexible Geisteshaltung wider.
3. Der „Workaholic“ mit Leidenschaft
Trotz seines Erfolgs ist er nie bequem geworden. Sein Arbeitsethos ist legendär:
- Disziplin: Er predigt (und lebt), dass Talent nichts wert ist, wenn man nicht härter arbeitet als alle anderen.
- Enthusiasmus: Er hat sich bis ins hohe Alter eine fast kindliche Begeisterung für Licht und Farbe bewahrt. Er sagte einmal, seine größte Leistung sei es, seinen „Enthusiasmus und seine Arroganz“ nie verloren zu haben.
4. Ein strenger, aber großzügiger Mentor
Als Lehrer ist Maisel gefürchtet und geliebt zugleich. Er ist kein „Händchenhalter“. Wenn ein Foto schlecht ist, sagt er das direkt und ohne Umschweife („Cut the shit“). Gleichzeitig gilt er als extrem großzügig darin, sein Wissen zu teilen. Er möchte nicht, dass seine Schüler wie er fotografieren, sondern dass sie lernen, selbst zu sehen.
5. Der Inbegriff des New Yorkers
Er ist untrennbar mit New York City verbunden. Er wirkt wie eine Figur aus einem alten Schwarz-Weiß-Film: schlagfertig, direkt, ein bisschen einschüchternd, aber mit einem großen Herzen für das Menschliche. Seine langjährige Wohnung, ein riesiges ehemaliges Bankgebäude im Bowery-Viertel (das „Bank Building“), war das Spiegelbild seiner Seele: ein gigantisches Archiv aus gesammelten Fundstücken, Erinnerungen und Millionen von Fotos.
Zusammenfassend: Jay Maisel ist ein Mensch der extremen Präsenz. Er lebt völlig im Moment, verachtet Heuchelei und sucht in allem – egal ob Mensch, Pfütze oder rostiges Metall – nach dem „Ausdruck“ (dem Wesenhaften).
Rate mal wer diesen Text verfasst hat? Natürlich die KI, wer sonst?
Das was mir am besten gefällt: Er tritt nicht als Guru auf. Er sammelt keine Schar Jünger um sich. Er will, dass andere auch anders sein dürfen. Und ohne dass ich es wusste: Er und sein Freund oder Partner Scott Kelby haben den gleichen Buchaufbau. Eine kurze Einleitung und dann ein Bild pro Seite und der Rest ist erklärender Text dazu.
Und noch einige Zitate von ihm, die mir soooo gut gefallen:
„Beweg deinen Arsch.“ (Move your ass.) — Maisels wohl berühmtester Rat, wenn es darum geht, die richtige Perspektive zu finden, anstatt nur zu zoomen.
„Habe immer eine Kamera dabei. Es ist verdammt schwer, ein Foto ohne eine zu machen.“
„Wenn du draußen bist und fotografierst, werden Dinge passieren. Wenn du nicht draußen bist, wirst du nur davon hören.“
Er denkt wie Albert Dros: „Wenn man nicht unterwegs ist, passiert sowieso nichts.“
Fantasie

Seit Tagen blüht der Goldregen. Seit Tagen wünsche ich mir „Schön Wetter“, blauer Himmel und absolute Windstille. Aber wie heißt es so schön: Das (Fotografen-) Leben ist kein Wunschkonzert. Und da ich fast täglich draußen bin, und da ich mittlerweile das Licht besser kenne als zu Beginn, weiß ich, dass dieses Motiv noch besser, noch viel besser geht. Aber wenn unser Herrgott kein besseres Licht schickt, muss er halt mit diesem Bild zufrieden sein.
Ich glaube, jeder Mensch muss irgendwann in seinem Leben entscheiden, was er macht. Ich glaube daran – ich will einfach daran glauben –, dass der Homo sapiens dies bewusst macht. Dass er sich bewusst entscheidet, wo er leben will, wie er leben will, wie er sich kleiden will, wohin er reisen will und mit wem er zusammenleben will. Aber nichts ist fix.
Ich glaube nicht, dass man jeden Tag stundenlang darüber philosophiert, wie man am nächsten Tag leben will oder wo man am nächsten Tag leben will. Aber von Zeit zu Zeit, in Intervallen, muss das jeder selbst bestimmen; sollte man sich diese Gedanken machen.
Und das Gleiche gilt natürlich auch für uns Fotografen.
Eine der ersten und frühesten Entscheidungen ist, ob ein Fotograf sein Medium als Kunst ansieht oder nicht. Entsprechend werden sein Verhalten, seine Ausrichtung, seine Orientierung und auch seine Bilder sein. Unabhängig vom Genre, unabhängig vom Ort, muss jeder entscheiden, wie er persönlich und individuell die Fotografie sieht.
Und unbestritten ist auch nach meinem Verständnis: Kreativität. Irgendetwas nur zu machen, weil man es schon immer so gemacht hat? Ach Gott, was ist denn das für ein Menschenbild! Auch die Fotografie lebt von Kreativität, von Fantasie und auch von ständigen Versuchen. Immer das Gleiche machen, nur weil man das so macht? Ach du liebe Zeit, wie schlimm!
Es geht um Kreativität und Fantasie. Es heißt: „Not macht erfinderisch“. Ich bin weit davon entfernt, dass Lebensweisheiten und Kalendersprüche mein Leben bestimmen. Aber ich merke es bei mir jedes Mal in Venedig: ein Übermaß, ein extremer Überfluss an Motiven, an „besten“ Motiven, an den schönsten Motiven. Und die Erwartung von mir an mich, ist so hoch wie der Campanile. Das stresst mich.
Da ist es mir schon lieber, mit bedecktem Himmel am zweiten April durch Wolfratshausen zu gehen und hier Bilder zu machen und hier meine Kreativität und Fantasie zu schulen.
Ostern 2026

Ich lese gerade im Buch von Friedrun Reinhold mit dem Titel: „Das gute Bild“ folgendes:
„Doch all das setzt voraus, dass Sie wissen, wofür Sie fotografieren. Haben Sie sich schon einmal bewusst gefragt, welches Ziel Ihre Fotografie verfolgt? Wollen Sie dokumentieren, erzählen, provozieren, beruhigen oder gestalten?“
Und: „Denn am Ende liegt der Schlüssel zur fotografischen Weiterentwicklung, nicht in der Technik, nicht in neuen
Kameras oder Objektiven, sondern in Ihrem eigenen Blick. Dieser Blick muss immer wieder geschärft werden. Von außen, von innen und am besten: mit einem klaren Ziel vor Augen.“
So geht das seitenweise weiter. Die eigene Aussage kennenlernen. Bewusst werden. Wikipedia meint dazu: (Homo sapiens, lateinisch für „verstehender, verständiger“ oder „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“)
Das Warum zuerst zu klären. Die Bildsprache zu kennen, bzw. erkennen. Die eigene Bildsprache und die von anderen. Ohne Bewertung. Was soll das Bild transportieren? Wie erkenne ich meine eigene Arbeiten auch ohne Signatur?
Er meint, er schaut sich seine Bilder oftmals erst monatelang nach einer Fotosession an. Denn erst nach dieser Zeit erkennt er, was seine Bilder wirklich transportieren und er ist nicht mehr mit dem Gefühl verbunden, das er gehabt als, als er das Bild gemacht hat.
Warum hat mir das bisher niemand gesagt?
Wie viele Bilder?

Er stellt auch die für mich interessante Frage, welche Anzahl und Reihenfolge eine Fotostrecke, bzw. Reportage haben soll. Und wie so oft ist auch hier wieder die Rede von Bildaussage und Bildsprache. Er meint:
„Jedes Bild muss eine Aufgabe erfüllen, eine Aussage tragen oder zumindest den Fluss der Serie stützen. In meiner eigenen Arbeit habe ich festgestellt, dass weniger fast immer mehr ist. Die größte Kunst liegt oft nicht im Fotografieren, sondern im Weglassen.“
Er gibt den Rat, dass sich kluge erfahrene Aussteller auf 5 bis max. 15 Bilder beschränken. Und gleich das erste Bild soll/muss sofort Aufmerksamkeit erzeugen. Die weiteren Bilder müssen einer Dramaturgie folgen. Wie in der Musik: Ein Thema, Variationen, Pause, und ein Finale das bleibt.
Je mehr ich lese, je schwieriger wird es für mich, je mehr muss/soll ich beachten. Welche emotionale Reise soll der Betrachter der Bilder machen? Was soll er am Anfang empfinden, was am Ende?
Weiter meint er: „Haben Sie keine Angst davor, radikal zu kürzen. Eine Serie mit acht starken Bildern wirkt nachhaltiger als eine mit zwanzig mittelmäßigen.„
Und es geht mir wie immer beim Lesen, ein innerliches Kopfschütteln und Schulterzucken: Warum hat mir das bisher niemand gesagt?
Schöne neue Welt

Ich hoffe so sehr, daß dieser Frühling oder spätestens der nächste Frühling 2027, der letzte Fotografen Frühling sein wird, den jemals geben hat.
In allen Foto Lehrbüchern steht der Rat: „Fotografiere Kontraste“. Also stürzten sich ganze Heerscharen von der ideenlosen, fantasielosen, kreativarmen Fotografen im Frühling raus in das oberbayerische Voralpenland und suchen, jedes Jahr wieder, den ersten Löwenzahn. Oder noch besser: Getreu dem Motto: „Viel hilft viel“ – Möglichst viele Löwenzähne als Vordergrund.
Im Hintergrund die schneebedecken Berge. Wow, was für ein Kontrast. Hier unten schon der Frühling dort noch tiefster Winter. Die jährliche Spekulation: Der Fotografie Nobelpreis ist mir heuer sicher. Sieger ist der, der die meisten gelben Blüten aufs Foto bringt.
Und die Profis? Die gehen in den Baumarkt, oder in den Discounter, dort ist es billiger, und besorgen sich die allerersten blühenden Topf Blumen. Im warmen Gewächshaus hoch gezüchtigt. In allen Farben in allen Größen. Und dann schnell ab damit zu den Bergen. Dort werden die Töpfe auf ein Brückengeländer oder mitgebrachtem Campingtisch wie Soldaten in Reih und Glied aufgereiht. Einen besseren Vordergrund gibt es nicht.
Schnell noch die richtige Schärfe eingestellt und fertig ist für 20,00 Euro ein Warm/Kalt Kontrast Bild. Die Blumen kann man hinterher noch schnell im aufgestellten Mülleimer entsorgen.
Damit ist hoffentlich bald Schluss. Jeder Mensch, kann sich heute schon mit dieser kleinen Bitte: „Erzeuge mir bitte ein Bild: Im Vordergrund blühende Frühlingsblumen im Hintergrund schneebedeckte Berge“ die schönsten Bilder erzeugen lassen. In Sekunden. Fantasielose Fotografen benötigt man dazu schon heute nicht mehr.
Ostern 2026 – Google Gemini KI generiertes Bild

Das Gute daran ist:
- Ich muss nicht mehr raus. Das geht abends um 10:00 Uhr auch am eigenen PC.
- Ich benötige keine 5.000 Euro Ausrüstung mehr.
- Jeder Laie kann sich die besten, schönsten Bilder in Sekunden erzeugen. Und sie machen das auch. Kostenlos.
- Fotoausstellungen bei denen es nur „schöne Bilder“ gibt, haben bestimmt keine Zukunft mehr.
- Es ist endlich Schluss mit dem massenhaften Kitsch und Klischees.
- Reisen dient nur noch zur persönlichen Erbauung. Bilder aus der großen weitern Welt, gibt es eh schon wie Sand am Meer.
- Die KI Entwicklung steckt noch immer in den Kinderschuhen und geht exponentiell weiter und wird besser.
Und warum ist das ein Segen für uns alle?
- In Zukunft zählt viel mehr die individuelle Fantasie und Kreativität. Ob das Bild mit dem Fotoapparat oder mit KI erstellt wurde, ist nun wirklich egal.
- In Zukunft zählt die Bildaussage. Individuell. Damit zählt immer mehr der Mensch, der auch etwas auszusagen hat. Die technische Umsetzung wird unwichtiger.
- Die Frage: „Welche Geschichte will ich erzäheln“ tritt endlich in der Vordergrund.
- Reines dokumentarisches Abbilden der Welt wird immer mehr zur primitiven Massenware.
- Bekannte authentische Marken werden stärker nachgefragt: Annie Leibovitz, usw.
- Das Wesen der Fotografie als Kunstform wird gestärkt.
Friedrun Reinhold gibt uns in seinem Buch: „Das gute Bild“ die richtige Anwort indem er schreibt:
„Es gilt die innere Haltung zu klären und die Arbeit langfristig auf ein stabiles Fundament zu stellen. In meiner
Erfahrung ist genau diese inhaltliche Orientierung das, was viele gute Fotografen von großartigen unterscheidet. Denn während Technik, Stil und sogar Originalität erlernbar sind, entsteht Tiefe erst dann, wenn Fotografie als Ausdruck einer Haltung verstanden wird und nicht als bloßes Abbilden der Welt, sondern als bewusste Entscheidung, wie und warum etwas gezeigt wird.“
Eigentlich war es schon immer so: Die wirklich guten Fotografen hatten alle, wirklich alle, ein inneres Anliegen, einen inneren Drang und haben uns diesen mit ihrer Bild Aussage gezeigt.
Und mal ganz ehrlich:
- Wie wichtig und entscheidend ist denn, wenn Udo Jürgens in seinem Lied: „Aber bitte mit Sahne“ die Geiger real spielen lässt oder aus mit dem Computer Synthesizer erzeugt? Merkt das irgend jemand? Und weiß irgend jemand wie es wirklich war?
- Was ändert es an der Aussage der Beatles in Ihrem Lied: „All you need is love“, wenn statt der klassischen Gitarre ein künstliche Electric Guitar verwendet wird. Weiß noch jemand, welche Gitarre hier konkret verwendet wurde?
- Wie entscheidend ist der Unterschied zwischen einer künstlichen Stimme aus dem Navi und einem Menschen ? Ist eine Person mit Land- oder Stadtkarte auf den Knien, die den Weg ansagt, so viel besser?
Komisch
Es gibt zu jeder Zeit und zu jeder Entwicklung immer genügend ängstliche Mahner, übervorsichtige Warner, die Weltuntergangs Propheten.
Und komisch ist auch, dass sich die Welt so hartnäckig weigert, jetzt endlich unterzugehen.
Entwicklung

Friedrun Reinhold schreibt in seinem Buch „Das gute Bild“:
„Ich tausche mich regelmäßig mit Kollegen aus, denen ich vertraue und die nicht in das Projekt involviert waren. Oft reicht ein Nachmittag mit Prints auf dem Tisch, ein offenes Gespräch, ein paar kluge Rückfragen, und plötzlich zeigt sich eine ganz andere Struktur in der Serie. Bilder, die ich vorschnell als »zu unspektakulär« aussortiert hätte, entpuppen sich als erzählerisch stark. Andere, die ich für zentrale Momente hielt, wirken isoliert oder redundant.“
Und weiter:
„Eine Person, die in der Bildbeurteilung geschult ist und gleichzeitig keine emotionale Verbindung zum Entstehungs Kontext hat, wird Bilder anders lesen. Vielleicht klarer, vielleicht härter, aber oft mit einem besseren Gespür für Wirkung und Zusammenspiel.“
Das zu lesen tut weh: Geschulte Kollegen, offenes Gespräch, geschult in der Bildbeurteilung, Gespür für Wirkung und Zusammenspiel. Feedback von Fotografen-Profis. Das ist genau das, was mir fehlt.
In meiner 40 jährigen EDV Tätigkeit habe ich tausende mal den Unterschied zwischen „gut gemeint und gut gemacht“ erlebt. In jeder Software gibt es immer wieder kleine Teile die wiederholt ablaufen sollen. Wir nennen Sie: Schleifen. Und jeder Anfänger, der es „gut meint“ macht hier seine typischen Fehler: Für eine Schleife die 24 mal wiederholt werden muss: Wird jetzt von 1 bis kleiner 24 gezählt, oder von 1 bis genau 25, oder von 0 bis 24, oder von 0 bis kleiner 24 gezählt?
Genauso unerfahren war ich vor 4 Jahren auch, als ich mit dem Fotografieren angefangen habe. Und natürlich habe ich „gut gemeint“ all die typischen Anfänger Fehler gemacht: Viel zu bunt, reiner Kitsch und Klischee wie Sonnenuntergänge, Frühlingsblumen, Wasserfälle mit Langzeitaufnahme, wie 8 Milliarden andere Fotografen weltweit auch. Nur „schöne Bilder“ sind gute Bilder. „Gehet hin und macht“ was ich von Euch fordere. Usw.
Und Heute? Mit jedem Fotografen Lehrgang (Buch), gehen mir weitere Augen auf. Und immer stärker die bohrende Frage: Warum hat mir das niemand gesagt? Wie viel schneller hätte ich lernen können. Wieviel besser, gelehrter wäre ich heute? Ich bin kein 16-jähriger Lehrbub mehr, der noch sein ganzes Fotografen Leben vor sich hat. Mir eilt die Zeit. In meiner Lebens Sanduhr sind nicht mehr unendlich viele Sandkörner. Manchmal macht mich das traurig, manchmal auch zornig, obwohl das sonst nicht meine Art ist. Warum haben mir all die Profis um mich herum, nicht geholfen, beraten?
Ich merke und spüre es immer deutlicher: Wer es nicht gelernt hat, wer es nicht studiert hat, kann es nicht. Gut gemeint ist nicht gut gemacht. An einer möglichst perfekten Ausbildung geht kein Weg vorbei. Wer nicht fliegen gelernt hat, wird niemals Pilot. Wer die Statik nicht kennt, wird kein Architekt für Brücken. Wer nicht fahren kann, wird kein Formel Fahrer. Wer von Volkswirtschaft keine Ahnung hat, wird kein Wirtschaftsminister.
Und über Friedrun Reinhold gibt es sogar einen Wikipedia Eintrag. Das ist ein Ritterschlag.
Authentisch

Ich weiß leider nicht, wie viel Sätze man von einer anderen Internet Seite zitieren darf. Ich habe jedoch gelernt, dass man Links beliebig verwenden kann. Wer etwas öffentlich ins Internet stellt, muss per Gesetz auch damit einverstanden sein, dass ein Link auf seine öffentliche Seite angegeben wird.
Und eigentlich ist jeder Satz den er schreibt so kostbar, so wertvoll, dass ich am liebsten sein gesamtes „Ich über mich“ hier abschreiben möchte. So muss der Link genügen, mit der Bitte diesen einmal anzuklicken.
https://www.friedrun-reinhold.com/der-fotograf-1
Schade, dass er mit seinem Sitz in Hamburg so weit weg ist. Er hat soooo viel zu sagen. Ich möchte Ihm gerne öfters zuhören.
Was, Wie, Wem?

Friedrun Reinhold hat in seinem Buch „Das gute Bild“ auch ein kurzes Interview mit Andreas Trampe.
„Dieser prägte fast drei Jahrzehnte die Bildsprache des Stern. Als Director of Photography verantwortete er 20 Jahre unzählige große Reportagen, Titelgeschichten und die Arbeit der Fotoredaktion und war Schnittstelle zwischen Redaktion, Fotografen und Lesern. Seit 2019 arbeitete er als Senior Picture Editor für das Magazin.
Neben seiner redaktionellen Arbeit engagiert sich Trampe stark in der Nachwuchsförderung.“
Andreas Trampe empfiehlt immer, sich die drei folgenden Grundfragen zu stellen:
■ Was für eine Geschichte möchte ich erzählen?
■ Wie möchte ich die Geschichte erzählen?
■ Wem möchte ich die Geschichte erzählen?
Schade, dass ich das erst mit 73 Jahren lese. Wie anders, wie besser, wie sinnvoller, hätte mein Hobby, mein Fotografen Leben sein können. Und wie reagiere ich auf diese eklatante Verspätung? Mit Trauer, mit Zorn odwer Gelassenheit und Optimismus?
Warum?

Man fängt bei einem Hausbau nicht mit den Verzierungen am Dachgiebel an. Das wichtigste, damit das ganze Gebäude auch trägt, ist das Fundament. Man fängt beim Fotografieren nicht mit Blümchen, Insekten und Sonnenuntergänge, blaue Stunde oder Glentleiten an.
Eigentlich hätte mir der Fotoclub Wohlfahrtshausen, an meinem ersten Abend an dem ich zum ersten Mal auf Besuch war, gleich zu Beginn die Frage stellen müssen: Bernd, warum willst Du fotografieren?
Gehe jetzt bitte heim und überlegt Dir das gründlich. Und komme bitte in einem Monat wieder mit einer ehrlichen und Dich innerlich überzeugenden Antwort zu uns zurück. Dann helfen wir Dir gerne weiter.
Was?

Eigentlich hätte mir der Fotoclub Wohlfahrtshausen, an meinem zweiten Abend an dem ich zum zweiten Mal zu Besuch war, die zweite wichtige Frage stellen müssen: Bernd, was willst Du fotografieren? Was spricht Dich an? Welche Motive ziehen Dich entsprechend Deiner Biografie magnetisch an?
Gehe jetzt bitte heim und überlegt Dir das gründlich. Und komme bitte in einem Monat wieder mit einer ehrlichen und Dich innerlich überzeugenden Antwort zu uns zurück. Dann helfen wir Dir gerne weiter.
Für wen?

Eigentlich hätte mir der Fotoclub Wohlfahrtshausen, an meinem dritten Abend an dem ich zum dritten Mal zu Besuch war, die dritte wichtige Frage stellen müssen: Bernd, für wen willst Du fotografieren? Was soll Dein Publikum sein? Für wen machst Du die überzeugendsten, besten Bilder?
Gehe jetzt bitte heim und überlegt Dir das gründlich. Und komme bitte in einem Monat wieder mit einer ehrlichen und Dich innerlich überzeugenden Antwort zu uns zurück. Dann helfen wir Dir gerne weiter.
Belangloses Zeugs

Dieses Fundament habe ich leider nicht. Vier verlorenen Jahre. Und so fotografiere ich halt wie benebelt, besoffen, belangloses Zeugs. Jedem erfahreneren Betrachter muss es schmerzen, dieses Wirrwarr, dieses Kunterbunt, dieses orientierungslose, belangloses Zeugs anzuschauen.
- Keine rote Linie, auch keine blaue oder grüne.
- Kein Konzept.
- Keine Orientierung.
- Kein durchgängies Thema.
- Keine erkennbare Persönlichkeit hinter den Bildern.
- Keine sichtbare Entwicklung, nur ein besinnungsloses Taumeln von einer Location zu anderen.
- Und wenigstens ein kleiner Lichtblick: Ich fotografiere nicht für den Applaus.
Und ich kann diesen grundlegenden Fragen nicht ausweichen. Ich will ein bewusstes Leben leben. Achtsam auf alle Gedanken, auf alles was mit mir zu tun hat. Ich will selbst und erwachsen bestimmen, was ich mache oder nicht. Ich will und werde zu 100% abends die Verantwortung für meinen gesamten Tag übernehmen. Ich will abends in mein Tagebuch schreiben was war, was nicht war und wie es morgen besser, selbstbestimmter sein soll.
Ich kann nicht die Resultate oder Ergebnisse vorbestimmen. Aber mein Handeln. Und so lese ich halt weiter, immer in der Hoffnung das gelobte Land zu sehen, zu entdecken und zu betreten. Bestimmt ist es dort sehr sehr einsam. Denn diese Fragen die ich mir stelle, höre ich sonst nicht.
Mir imponiert der Spruch. „Man kann mich nicht kaufen, aber ich verschenke mich gerne.“