Bilder Mai 2026

Der Sinn des Fotografen-Lebens ist nicht, dass alle die gleichen Bilder von den gleichen Motiven machen. Jeder, der bewusst fotografiert, merkt was ihm am meisten Freude macht. Schließlich heißt es ja Lebensfreude. Und Leben ist extrem vielfältig. Es zählt nur, was uns von Herzen befriedigt.

Und dieser Spur muss man entdecken, nachgehen, erweitern und perfektionieren.

Nicht alle zieht es zum Süd- oder Nordpol um Pinguine zu fotografieren.

Gott sei Dank versinkt nicht jeder im Strudel des Main Streams und fotografiert immer wieder die beiden Tiere, die am meisten in Deutschland abgelichtet werden: Eisvögel und Eichhörnchen.

Gott sei Dank, es lebe die Individualität, macht nicht jeder Langzeitbilder von Wasserfällen.

Ausdruck macht Eindruck

Irgendwann einmal hat ein Fotograf, der sich sehr gut ausdrücken kann, und deshalb viele Follower auf YouTube hat, in Venedig ein Bild aufgenommen, mit der aufgehenden Sonne, die durch das Arkaden Eck des Dogenpalastes scheint.

Dieser besondere Moment ist sehr von der Jahreszeit abhängig. Zu welcher Jahreszeit es aber genau passt, lässt sich gut auf www.sonnenverlauf.de ermitteln.

Trotzdem versammeln sich jeden Morgen zahlreiche Fotografen, oftmals mit Stativ, auf der Piazzetta um diesen besonderen Moment auch einzusammeln. Wie früher die Sammler und Jäger.

Warum die Bandbreit der Schätzungen soooo extrem weit auseinander geht weiß ich nicht. Es ist oftmals die Rede von 20 bis 30 Millionen Besucher. Und eine kurze Rechnung zeigt: Jeder hat ein Handy dabei und jeder macht viele Bilder.

30 Millionen mal 33 Bilder sind eine Milliarde Bilder.

Pro Jahr.

In den letzten beiden Jahrzehnten sind es 20 Milliarden Bilder aus Venedig. Wo bleibt da die Individualität, wenn alle diesem einen Motiv bzw. Licht hinterher rennen?

Bilder der Ruhe

Bilder der Ruhe, wie ich sie nenne, sind nach wie vor die Bilder, die mich persönlich am meisten anspringen ansprechen, beeindrucken.

Fahrzeit im Auto ist für mich Arbeitszeit. Bevor ich mir im Autoradio anhöre, dass jetzt aber wirklich die Welt untergeht, höre ich mir Podcasts an. Und da bemerke ich, dass es mich immer mehr zum Thema Kunst hinzieht.

In vielen Lebensläufen von Künstlern wird berichtet, dass die Sozialisierung und persönliche Biografie, fast immer die Erklärung und die Grundlage Ihrer Kunst ist. Also: Aufgrund meiner speziellen Biografie ist dieses Genre mein Ding.

Flucht und Heimkehr

Früher, als noch alles besser war, bin ich freitagnachmittags so schnell wie möglich ins Auto gesprungen und ab nach Italien. Ab ans Meer. Ab an die Adria. Das war ganz klar eine Flucht aus dem Alltag, aus der Arbeitswelt, aus der Enge der Termine, aus der Kälte.

Aber es hat auf Dauer nichts gebracht: Sonntags Nachts musste ich wieder zurück in den grauen Alltag. Das Herz voller Wehmut und Sehnsucht nach Italien und den Wecker gestellt auf den kommenden Freitagnachmittag. „Same procedure as every week.“

Heute versuche ich so zu leben, dass ich erst gar keinen Urlaub, keine Erholung nötig habe.

Kunst

Nach wie vor tue ich mir sehr schwer damit, Kunst zu verstehen. Zu analysieren, interpretieren und zustimmen oder ablehnen. Wenn mir jemand erklären würde, am besten der Künstler selbst, was er damit zu Ausdruck bringen möchte, wäre es bestimmt leichter für mich.

Und was soll dann erst einmal aus meinen Bildern werden, wenn sie auch nicht verstanden werden?

Sonnenuhr

Meine persönliche Sonnenuhr. Immer, wenn ich täglich hier vorbei komme, lese ich die Uhrzeit ab. Bin ich zu früh, zu spät oder just in time. Nichts Großes, kein weltbewegendes Motiv, aber mir gefällt’s und ich schaue immer wieder gerne hoch zu ihr.

Stadtmitte von Wolfratshausen

Alltägliches nichts außerordentliches. Nur gewohntes, das ist der Preis den ich gerne zahle dafür dass ich hier täglich fotografieren kann. Ich denke, wenn ich in Venedig wohnen würde und erst einmal alle Sehenswürdigkeiten wie Markusdom, Campanile, Rialto Brücke und Dogenpalast bei jedem exotischem Licht fotografiert habe, dann wird es dort in Venedig auch langweilig.

Hier in Wolfratshausen gibt es als Foto Motiv Auswahl nur Normales, Übliches, Gewöhnliches und nichts Außerordentliches. Nichts Spektakuläres. Mein gern bezahlter der Preis der täglichen Routine. Und trotzdem: Ich bin froh, dass ich hier wohne. So viel Grün, so viel Natur, so viel Wasser, und das alles direkt in der Stadtmitte. Nur ein einziges Haus, das sich nicht versteckt.

In alle Ruhe reifen

Meinen persönlichen Foto Stil finde ich nur in mir. Niemals im Aussen. Als tägliche Reflektion der Motive, die mich ansprechen, die ich immer wieder fotografiere. Und das gelingt mir umso besser, je weniger ich von exotischen Motiven abgelenkt bzw. begeistert werde.

Ich befürchte, dass ich von faszinierenden Locations, wie z.B. den Niagara Fällen so extrem abgelenkt wäre, dass es mir schwerfallen würde, mich auf mich und meine Fotografen Interessen konzentriert zu bleiben. Ich würde ganz bestimmt in den primitiven Modus des Dokumentierens verfallen. Ich vielen Lehrbüchern steht, dass es eh schon viel zu viel: „Ich war da“ Bilder gibt.

Aber hier, im langweiligen Wolfratshausen bin ich nicht abgelenkt. Hier bin ich ganz bei mir, in mir. Hier kann ich in alle Ruhe suchen und hoffentlich auch einmal finden, was ich als Fotograf zu sagen habe.

Hier in Wolfratshausen kann ich ganz ICH selbst sein. Ohne Erwartungsdruck, ohne das Gefühl, ich muss, ich will, ich werde für andere, für die Betrachter meiner Bilder fotografieren. Hier kann ich, werde ich mich in alle Ruhe entwickeln.

Pablo Picasso: „Ich male nicht für den Beifall“.
 

Mir gefällt’s

Immer die Augen auf. Immer auf Suche. Immer der Blick nach oben, unten, links, rechts. Immer die Details suchen oder finden. Annie Leibowitz soll gesagt haben: Das Rahmen ist immer in mir. Es lässt sich nicht abschalten.

Und am Ende des Tages gibt es kaum eine bessere Aussage als: „Mir gefällt’s“. Denn es ist nach wie vor für mich immer eine Überraschung, was aus einen einfachen Klick für ein Bild wird.

Langweilig?

Für alle Einwohner von Wolfratshausen ist dieses Motiv langweilig. Alltäglich. Gewohnt. Nichts Besonderes. Warum sollte man dies auch noch fotografieren?

Aber …

Für alle Bewohner in den Wüstenregionen dieser Erde ist es ein WOW Bild: So grün, so viel Wasser, und Regen bzw. Gewitterwolken am Himmel: Ein Traum.

Für alle Eskimos ist es ein Sehnsuchts-Bild der Wärme, grüne Bäume, Wasser ohne Eisschichten, und Häuser mit Dächern ohne meterhohe Schneeschicht.

Für alle Bewohner von ausgedehnten Steppenlandschaften ist es ein WOW Bild: Grüne Bäume, üppige Vegetation, frei fließendes, für alle verfügbares Wasser in Fülle, ruhige Wasseroberfläche, friedliche Stimmung.

usw.

Ein Bild mit dem besonderem Prädikat: Exotenbonus. Nicht für Wolfratshauser, aber für viele Millionen Menschen auf anderen Kontinenten dieser Welt.

Und warum dieses Bild?

Ted Forbes schreibt in seinem Buch: Die Sprache der Fotografie:

»Was soll ich fotografieren?« ist eine überraschend häufig gestellte Frage, nicht nur von Fotografen, die gerade anfangen, sondern auch von solchen, die bereits eine erfolgreiche Karriere hinter sich haben.

Mit dem, was ich heute weiß, wäre meine erste Reaktion: »Was soll das heißen, du weißt nicht, was du fotografieren sollst? Sei stolz auf deine Umgebung, den Ort, an dem du lebst! Das ist es, was du der Welt zeigen kannst, anstatt den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen!«

Mosaik

Im Bild das rechte Mosaik am Markusdom. Es zeigt die Szene, wie zwei venezianische Kaufleute den Leichnam des heiligen Evangelisten Markus gestohlen haben, indem sie den Körper zwischen Schweinehälften eingepackt und entführt haben. Zu den Zeiten, als Staatsmacht und Kirchenmacht in einer Hand waren, war es wichtig, einen Schutzheiligen zu haben. Petrus, der „Hauptapostel“, den hatte die römisch-katholische Kirche in Rom schon für sich genommen. Er liegt im (genauer gesagt unter dem ) Petersdom in Rom.

Dieses Mosaik muss als Sinnbild meiner Fotografie herhalten: Auch meine täglichen Bilder hier aus Wolfratshausen ergeben hoffentlich einmal ein Gesamt Bild aus vielen täglichen Mosaik Steinchen. Jedes einzelne Steinchen ergibt wenig Bilder Sinn. Aber viele rote, brüne, blaue, schwarze, weiße, goldene, etc. Mosaike zechen am Ende des Fotografenlebens ein Gesamt Bild.

Ich tue mir schon schwer, hier ab und zu mal ein Bild aus Venedig oder von der Adria herzuzeigen. Das ist einfach nicht mein Revier. Da kenne ich mich nicht so gut aus, wann welches Licht ist, um ein gutesv Bild zu machen. Und der Kochelsee muss nur deshalb herhalten, weil ich dort jeden Sonntag spazieren gehe.

Wenn ich mich entschließen würde, am Ende meines Fotografen-Lebens mit meinen Bildern ein Mosaikbild dieser Erde zu zeichnen, müsste ich ununterbrochen reisen. Alle Kontingente, alle Wüsten, Polargebiete, auch Kriegsgebiete, Überschwemmungen, Dürrekatastrophen etc. Und das ist mir zu gefährlich und auch viel zu anstrengend. Aber nur dann wäre das „Welt Bild“ komplett und hätte keine Lücken. Aber nur 5 oder 10 Länder von 193 Staaten dieser Welt, wäre mir viel zu wenig.

Mal wieder ein Bild der Ruhe

Ted Forbes: Sei stolz auf deine Umgebung, den Ort, an dem du lebst! Das ist es, was du der Welt zeigen kannst.

Genau das ist das Motiv hinter diesem Bild. Wo gibt es das sonst noch, dass in unmittelbarer Nähe zum Zentrum so viel Ruhe zu sehen und zu spüren ist. Vier Häuser nebeneinander und überall ein Stuhl oder eine Bank vor dem Haus.

Und erst auf dem zweiten Blick zu erkennen: Keine Wolkenkratzer, kein Highway, keine Autobahn, kein Bahnhofsviertel, keine Drogenszene, keine parkende Autos vor dem Haus, keine Villa mit Videoüberwachung,