Perfekt inszeniert: So geht betteln in Venedig

Seit Jahren lässt sich in den Gassen Venedigs ein Schauspiel beobachten, das scheinbar bis ins Detail perfektioniert wurde: die gezielte Inszenierung von Armut und Hilflosigkeit.
Man sieht sie oft in den Durchgangsstraßen abseits des Markusplatzes: Gestalten, die tief gebeugt auf dem Pflaster knien, fast liegend, scheinbar erdrückt von der Last des Lebens. Gehüllt in graue Lumpen, das Gesicht unter einem Kopftuch verborgen.
Doch der Schein trügt oft. Wer genauer hinsieht, erkennt an der glatten Haut der Hände, dass sich unter der Verkleidung oft sehr junge Menschen verbergen, die das Bild des Jammers für die Passanten aufrechterhalten.

Die Standortwahl der Inszenierung Diese Form des Bettelns folgt einer klaren Logik. Direkt auf dem Markusplatz würde die Polizei sofort einschreiten. Daher ziehen sich die Personen in die belebten Seitengassen des Stadtgebiets zurück. Dort ist die Frequenz an Touristen hoch genug, aber der Druck durch die Sicherheitskräfte geringer.
Die Psychologie des Bechers Sogar der Inhalt des Spendenbechers ist kalkuliert. Man findet darin selten wertlose Ein- oder Zwei-Cent-Münzen. Stattdessen liegen oft ein oder zwei Euro-Stücke als „Anreiz“ bereit. Es wird suggeriert, dass dies der angemessene Betrag sei. Zu viel darf es jedoch auch nicht sein: Ein 100-Euro-Schein würde die Spendenbereitschaft eher bremsen, da er die Glaubwürdigkeit der akuten Notlage untergraben könnte. Es ist ein stilles, aber höchst effizientes Geschäft mit dem Mitgefühl der Besucher.
Jay Maisel

Jay Maisel ist in der Welt der Fotografie eine absolute Legende – weniger wegen seiner Technik, sondern vor allem wegen seiner unverblümten, kantigen und gleichzeitig tiefgründigen Persönlichkeit. Wenn man beschreiben will, was für ein Mensch er ist, fallen oft Begriffe wie „Urgestein“, „Philosoph“ und „Street-Smart“.
Hier ist ein Porträt seines Charakters:
1. Der „lautstarke Denker“
Maisel beschreibt sich selbst oft als „laut, vulgär und nachdenklich“. Er ist kein Freund von geschönter Sprache oder kompliziertem „Foto-Sprech“. Er flucht gerne (sein inoffizielles Motto lautet schlicht: „F**k it“), aber hinter dieser rauen New Yorker Schale steckt ein extrem präziser Beobachter mit einem tiefen Verständnis für Kunst und Ästhetik.
2. Ein Purist der Wahrnehmung
Sein Charakter ist geprägt von einer fast radikalen Ehrlichkeit. Er hasst Bildmanipulation oder künstliche Inszenierung. Für ihn ist die Welt, so wie sie ist, interessant genug. Er besitzt die seltene Gabe, im „Müll“ (den er übrigens leidenschaftlich sammelt) Schönheit zu sehen.
- Kein Plan ist der beste Plan: Er geht nie mit einer festen Bildidee aus dem Haus. Seine Offenheit gegenüber dem Zufall spiegelt eine extrem neugierige und flexible Geisteshaltung wider.
3. Der „Workaholic“ mit Leidenschaft
Trotz seines Erfolgs ist er nie bequem geworden. Sein Arbeitsethos ist legendär:
- Disziplin: Er predigt (und lebt), dass Talent nichts wert ist, wenn man nicht härter arbeitet als alle anderen.
- Enthusiasmus: Er hat sich bis ins hohe Alter eine fast kindliche Begeisterung für Licht und Farbe bewahrt. Er sagte einmal, seine größte Leistung sei es, seinen „Enthusiasmus und seine Arroganz“ nie verloren zu haben.
4. Ein strenger, aber großzügiger Mentor
Als Lehrer ist Maisel gefürchtet und geliebt zugleich. Er ist kein „Händchenhalter“. Wenn ein Foto schlecht ist, sagt er das direkt und ohne Umschweife („Cut the shit“). Gleichzeitig gilt er als extrem großzügig darin, sein Wissen zu teilen. Er möchte nicht, dass seine Schüler wie er fotografieren, sondern dass sie lernen, selbst zu sehen.
5. Der Inbegriff des New Yorkers
Er ist untrennbar mit New York City verbunden. Er wirkt wie eine Figur aus einem alten Schwarz-Weiß-Film: schlagfertig, direkt, ein bisschen einschüchternd, aber mit einem großen Herzen für das Menschliche. Seine langjährige Wohnung, ein riesiges ehemaliges Bankgebäude im Bowery-Viertel (das „Bank Building“), war das Spiegelbild seiner Seele: ein gigantisches Archiv aus gesammelten Fundstücken, Erinnerungen und Millionen von Fotos.
Zusammenfassend: Jay Maisel ist ein Mensch der extremen Präsenz. Er lebt völlig im Moment, verachtet Heuchelei und sucht in allem – egal ob Mensch, Pfütze oder rostiges Metall – nach dem „Ausdruck“ (dem Wesenhaften).
Rate mal wer diesen Text verfasst hat? Natürlich die KI, wer sonst?
Das was mir am besten gefällt: Er tritt nicht als Guru auf. Er sammelt keine Schar Jünger um sich. Er will, dass andere auch anders sein dürfen. Und ohne dass ich es wusste: Er und sein Freund oder Partner Scott Kelby haben den gleichen Buchaufbau. Eine kurze Einleitung und dann ein Bild pro Seite und der Rest ist erklärender Text dazu.
Und noch einige Zitate von ihm, die mir soooo gut gefallen:
„Beweg deinen Arsch.“ (Move your ass.) — Maisels wohl berühmtester Rat, wenn es darum geht, die richtige Perspektive zu finden, anstatt nur zu zoomen.
„Habe immer eine Kamera dabei. Es ist verdammt schwer, ein Foto ohne eine zu machen.“
„Wenn du draußen bist und fotografierst, werden Dinge passieren. Wenn du nicht draußen bist, wirst du nur davon hören.“
Er denkt wie Albert Dros: „Wenn man nicht unterwegs ist, passiert sowieso nichts.“
Fantasie

Seit Tagen blüht der Goldregen. Seit Tagen wünsche ich mir „Schön Wetter“, blauer Himmel und absolute Windstille. Aber wie heißt es so schön: Das (Fotografen-) Leben ist kein Wunschkonzert. Und da ich fast täglich draußen bin, und da ich mittlerweile das Licht besser kenne als zu Beginn, weiß ich, dass dieses Motiv noch besser, noch viel besser geht. Aber wenn unser Herrgott kein besseres Licht schickt, muss er halt mit diesem Bild zufrieden sein.
Ich glaube, jeder Mensch muss irgendwann in seinem Leben entscheiden, was er macht. Ich glaube daran – ich will einfach daran glauben –, dass der Homo sapiens dies bewusst macht. Dass er sich bewusst entscheidet, wo er leben will, wie er leben will, wie er sich kleiden will, wohin er reisen will und mit wem er zusammenleben will. Aber nichts ist fix.
Ich glaube nicht, dass man jeden Tag stundenlang darüber philosophiert, wie man am nächsten Tag leben will oder wo man am nächsten Tag leben will. Aber von Zeit zu Zeit, in Intervallen, muss das jeder selbst bestimmen; sollte man sich diese Gedanken machen.
Und das Gleiche gilt natürlich auch für uns Fotografen.
Eine der ersten und frühesten Entscheidungen ist, ob ein Fotograf sein Medium als Kunst ansieht oder nicht. Entsprechend werden sein Verhalten, seine Ausrichtung, seine Orientierung und auch seine Bilder sein. Unabhängig vom Genre, unabhängig vom Ort, muss jeder entscheiden, wie er persönlich und individuell die Fotografie sieht.
Und unbestritten ist auch nach meinem Verständnis: Kreativität. Irgendetwas nur zu machen, weil man es schon immer so gemacht hat? Ach Gott, was ist denn das für ein Menschenbild! Auch die Fotografie lebt von Kreativität, von Fantasie und auch von ständigen Versuchen. Immer das Gleiche machen, nur weil man das so macht? Ach du liebe Zeit, wie schlimm!
Es geht um Kreativität und Fantasie. Es heißt: „Not macht erfinderisch“. Ich bin weit davon entfernt, dass Lebensweisheiten und Kalendersprüche mein Leben bestimmen. Aber ich merke es bei mir jedes Mal in Venedig: ein Übermaß, ein extremer Überfluss an Motiven, an „besten“ Motiven, an den schönsten Motiven. Und die Erwartung von mir an mich, ist so hoch wie der Campanile. Das stresst mich.
Da ist es mir schon lieber, mit bedecktem Himmel am zweiten April durch Wolfratshausen zu gehen und hier Bilder zu machen und hier meine Kreativität und Fantasie zu schulen.
Ostern 2026

Ich lese gerade im Buch von Friedrun Reinhold mit dem Titel: „Das gute Bild“ folgendes:
„Doch all das setzt voraus, dass Sie wissen, wofür Sie fotografieren. Haben Sie sich schon einmal bewusst gefragt, welches Ziel Ihre Fotografie verfolgt? Wollen Sie dokumentieren, erzählen, provozieren, beruhigen oder gestalten?“
Und: „Denn am Ende liegt der Schlüssel zur fotografischen Weiterentwicklung, nicht in der Technik, nicht in neuen
Kameras oder Objektiven, sondern in Ihrem eigenen Blick. Dieser Blick muss immer wieder geschärft werden. Von außen, von innen und am besten: mit einem klaren Ziel vor Augen.“
So geht das seitenweise weiter. Die eigene Aussage kennenlernen. Bewusst werden. Wikipedia meint dazu: (Homo sapiens, lateinisch für „verstehender, verständiger“ oder „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“)
Das Warum zuerst zu klären. Die Bildsprache zu kennen, bzw. erkennen. Die eigene Bildsprache und die von anderen. Ohne Bewertung. Was soll das Bild transportieren? Wie erkenne ich meine eigene Arbeiten auch ohne Signatur?
Sie meint, Sie schaut sich Ihre Bilder oftmals erst monatelang nach einer Fotosession an. Denn erst nach dieser Zeit erkennt Sie, was Ihre Bilder wirklich transportieren und Sie ist nicht mehr mit dem Gefühlt verbunden, das Sie gehabt als, als Sie das Bild gemacht hat.
Warum hat mir das bisher niemand gesagt?
Wie viele Bilder?

Sie stellt auch die für mich interessante Frage, welche Anzahl und Reihenfolge eine Fotostrecke, bzw. Reportage haben soll. Und wie so oft ist auch hier wieder die Rede von Bildaussage und Bildsprache. Sie meint:
„Jedes Bild muss eine Aufgabe erfüllen, eine Aussage tragen oder zumindest den Fluss der Serie stützen. In meiner eigenen Arbeit habe ich festgestellt, dass weniger fast immer mehr ist. Die größte Kunst liegt oft nicht im Fotografieren, sondern im Weglassen.“
Sie gibt den Rat, dass sich kluge erfahrene Aussteller auf 5 bis max. 15 Bilder beschränken. Und gleich das erste Bild soll/muss sofort Aufmerksamkeit erzeugen. Die weiteren Bilder müssen einer Dramaturgie folgen. Wie in der Musik: Ein Thema, Variationen, Pause, und ein Finale das bleibt.
Je mehr ich lese, je schwieriger wird es für mich, je mehr muss/soll ich beachten. Welche emotionale Reise soll der Betrachter der Bilder machen? Was soll er am Anfang empfinden, was am Ende?
Weiter meint Sie: „Haben Sie keine Angst davor, radikal zu kürzen. Eine Serie mit acht starken Bildern wirkt nachhaltiger als eine mit zwanzig mittelmäßigen.„
Und es geht mir wie immer beim Lesen, ein innerliches Kopfschütteln und Schulterzucken: Warum hat mir das bisher niemand gesagt?
Schöne neue Welt

Ich hoffe so sehr, daß dieser Frühling oder spätestens der nächste Frühling 2027, der letzte Fotografen Frühling sein wird, den jemals geben hat.
In allen Foto Lehrbüchern steht der Rat: „Fotografiere Kontraste“. Also stürzten sich ganze Heerscharen von der ideenlosen, fantasielosen, kreativarmen Fotografen im Frühling raus in das oberbayerische Voralpenland und suchen, jedes Jahr wieder, den ersten Löwenzahn. Oder noch besser: Getreu dem Motto: „Viel hilft viel“ – Möglichst viele Löwenzähne als Vordergrund.
Im Hintergrund die schneebedecken Berge. Wow, was für ein Kontrast. Hier unten schon der Frühling dort noch tiefster Winter. Die jährliche Spekulation: Der Fotografie Nobelpreis ist mir heuer sicher. Sieger ist der, der die meisten gelben Blüten aufs Foto bringt.
Und die Profis? Die gehen in den Baumarkt. oder in den Discounter, dort ist es billiger, und besorgen sich die allerersten blühenden Topf Blumen. Im warmen Gewächshaus hoch gezüchtigt. In allen Farben in allen Größen. Und dann schnell ab damit zu den Bergen. Dort werden die Töpfe auf ein Brückengeländer oder mitgebrachtem Campingtisch wie Soldaten in Reih und Glied aufgereiht. Einen besseren Vordergrund gibt es nicht.
Schnell noch die richtige Schärfe eingestellt und fertig ist für 20,00 Euro ein Warm/Kalt Kontrast Bild. Die Blumen kann man hinterher noch schnell im aufgestellten Mülleimer entsorgen.
Damit ist hoffentlich bald Schluss. Jeder Mensch, kann sich heute schon mit dieser kleinen Bitte: „Erzeuge mir bitte ein Bild: Im Vordergrund blühende Frühlingsblumen im Hintergrund schneebedeckte Berge“ die schönsten Bilder erzeugen lassen. In Sekunden. Fantasielose Fotografen benötigt man dazu schon heute nicht mehr.
Ostern 2026 – Google Gemini KI generiertes Bild

Das Gute daran ist:
- Ich muss nicht mehr raus. Das geht abends um 10:00 Uhr auch am eigenen PC.
- Ich benötige keine 5.000 Euro Ausrüstung mehr.
- Jeder Laie kann sich die besten, schönsten Bilder in Sekunden erzeugen. Und sie machen das auch. Kostenlos.
- Fotoausstellungen bei denen es nur „schöne Bilder“ gibt, haben bestimmt keine Zukunft mehr.
- Es ist endlich Schluss mit dem massenhaften Kitsch und Klischees.
- Reisen dient nur noch zur persönlichen Erbauung. Bilder aus der großen weitern Welt, gibt es eh schon wie Sand am Meer.
- Die KI Entwicklung steckt noch immer in den Kinderschuhen und geht exponentiell weiter und wird besser.
Und warum ist das ein Segen für uns alle?
- In Zukunft zählt viel mehr die individuelle Fantasie und Kreativität. Ob das Bild mit dem Fotoapparat oder mit KI erstellt wurde, ist nun wirklich egal.
- In Zukunft zählt die Bildaussage. Individuell. Damit zählt immer mehr der Mensch, der auch etwas auszusagen hat. Die technische Umsetzung wird unwichtiger.
- Die Frage: „Welche Geschichte will ich erzäheln“ tritt endlich in der Vordergrund.
- Reines dokumentarisches Abbilden der Welt wird immer mehr zur primitiven Massenware.
- Bekannte authentische Marken werden stärker nachgefragt: Annie Leibovitz, usw.
- Das Wesen der Fotografie als Kunstform wird gestärkt.
Friedrun Reinhold gibt uns in Ihrem Buch: „Das gute Bild“ die richtige Anwort indem Sie schreibt:
„Es gilt die innere Haltung zu klären und die Arbeit langfristig auf ein stabiles Fundament zu stellen. In meiner
Erfahrung ist genau diese inhaltliche Orientierung das, was viele gute Fotografen von großartigen unterscheidet. Denn während Technik, Stil und sogar Originalität erlernbar sind, entsteht Tiefe erst dann, wenn Fotografie als Ausdruck einer Haltung verstanden wird und nicht als bloßes Abbilden der Welt, sondern als bewusste Entscheidung, wie und warum etwas gezeigt wird.“
Eigentlich war es schon immer so: Die wirklich guten Fotografen hatten alle, wirklich alle, ein inneres Anliegen, einen inneren Drang und haben uns diesen mit ihrer Bild Aussage gezeigt.
Und mal ganz ehrlich:
- Wie wichtig und entscheidend ist denn, wenn Udo Jürgens in seinem Lied: „Aber bitte mit Sahne“ die Geiger real spielen lässt oder aus mit dem Computer Synthesizer erzeugt? Merkt das irgend jemand? Und weiß irgend jemand wie es wirklich war?
- Was ändert es an der Aussage der Beatles in Ihrem Lied: „All you need is love“, wenn statt der klassischen Gitarre ein künstliche Electric Guitar verwendet wird. Weiß noch jemand, welche Gitarre hier konkret verwendet wurde?
- Wie entscheidend ist der Unterschied zwischen einer künstlichen Stimme aus dem Navi und einem Menschen ? Ist eine Person mit Land- oder Stadtkarte auf den Knien, die den Weg ansagt, so viel besser?
Komisch
Es gibt zu jeder Zeit und zu jeder Entwicklung immer genügend ängstliche Mahner, übervorsichtige Warner, die Weltuntergangs Propheten.
Und komisch ist auch, dass sich die Welt so hartnäckig weigert, jetzt endlich unterzugehen.