Okay, Authentizität. Authentizität ist ein Privileg. Die Suche, das Streben, das Verlangen nach Authentizität hat nicht jeder. Die Suche, das Streben, das Finden von Authentizität – dafür hat nicht jeder die Voraussetzung. Denn die Voraussetzung dazu ist Zeit.
Die Zeit zu haben, sich die Zeit zu nehmen. Sich die Zeit zu nehmen, um das Ganze nicht nur als flüchtigen Gedanken im Kopf durchzulassen, sondern an diesem Punkt hängen zu bleiben. Bewusst hängen zu bleiben. Und diesen Gedanken mal bewusst für ein paar Tage oder ein paar Wochen im Bewusstsein zu halten.
Ich weiß nicht, warum ich gerade in meiner jetzigen Lebensphase jedes Foto Lehrbuch gerade jetzt zum wiederholten Male lese. Einen Umbruch? – ist auch egal.
Authentizität ist ein Verlangen, zumindest in mir. Authentizität ist eine Reaktion auf Unterdrückung von außen. Authentizität ist ein starkes, extrem starkes Verlangen. Ich weiß nicht ob es ein Trieb ist – ich bin kein Psychologe und kein Biologe und kein Mediziner – aber auf jeden Fall ist es ein starkes Verlangen in mir, ich selbst zu sein.
Und der ewige Kampf in mir ist: Ist es jetzt Egoismus? Schließlich wurde ich jahrzehntelang geprägt: Der Esel nennt sich selbst zuerst. Sag ja keinen Satz, der mit „Ich“ beginnt. Das tun die Politiker schon bis zum extremen Überfluss.
Komisch, dass ich Authentizität meist in Verbindung mit Fotografie sehe. Auch das sonstige Leben könnte ja von Authentizität geprägt sein. Aber ich sehe es vorwiegend dort, und deshalb schreibe ich es auch hier im Zusammenhang mit dem Fotografieren.
Okay, zurück zum Thema Authentizität:
Wobei – Authentizität kann auch bedeuten: Wenn man es in der Kindheit so eingetrichtert bekommt, in der Kindheit und Schulzeit und Lehrzeit und im Berufsleben so antrainiert bekommt.
Authentizität kann auch bedeuten: Ich möchte mich nach den anderen richten. Ich fotografiere die Themen, die andere von mir verlangen. So wie momentan das Thema „Brücken“, das vom Fotoclub Wolfratshausen verlangt wird.
Also: Wenn zu meiner Authentizität gehört, wenn zu meinem Wesen Pflichterfüllung und Zuverlässigkeit und Untertänigkeit gehören, dann gehe ich raus und fotografiere Brücken. Das kann auch zu Authentizität gehören.
Wenn jemand denkt, aufgrund seiner Sozialisierung sei er jemand, der von Befehlen anderer abhängig ist, der ein Untertan ist – dann gehört es auch authentisch dazu.
Wobei ich mir ganz sicher bin – jedenfalls psychologisch –, dass der Widerspruchsgeist, den ich oft in mir spüre, keine Authentizität ist.
In dem Moment, wo ich gegen etwas bin, vehement, energisch, innerlich überzeugt gegen etwas bin, bin ich immer noch mit diesem „Gegen etwas“ verbunden. Ich bin noch nicht ganz frei.
Ich kann dann noch nicht sagen: „Okay, rutsch mir den Buckel runter.“
Letztendlich ist die Suche, das Streben und das Verlangen nach Authentizität auch der Versuch, eine Antwort zu geben auf die Frage:
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr bin, wer ich bin?
Wer bin ich, wenn ich kein EDV-Trainer mehr bin?
Wer bin ich, wenn ich kein Fotograf mehr bin?
Wer bin ich, wenn ich kein Siemens-Angestellter mehr bin?
Wer bin ich, wenn ich kein Ehemann mehr bin?
Wer bin ich, wenn ich kein Vater mehr bin?
Wer bin ich, wenn alle Schubladen zu eng, zu klein sind?
Wer bin ich, wenn ich aus allen Schubladen raus möchte?
Jetzt ist es eine der wichtigsten Fragen des Lebens überhaupt – für alle Menschen. Ob wir uns dieser Frage jetzt bewusst stellen oder nicht. Und es ist leicht, diesem Thema auszuweichen. Denn es ist lästig. Und die Antworten sind nicht immer zufriedenstellend – eher unangenehm.
Also verdrängen wir sie gerne. Aber am Lebensende werden wir gefragt: Wer warst du?
Und wenn man dann keine Antwort geben kann, ist es wie im Deutschunterricht oder wie bei einer Prüfung:
Thema verfehlt. Auf ein Neues.
Ich glaube, dass diese Frage mit zunehmendem Alter immer dringender wird. Denn man hat schon so viele „Wer bin ich?“ hinter sich, sodass ein Teil der Antwort auch in der Frage liegt: Wer war ich?
Ich war mal Baby.
Ich war mal Kind.
Ich war Schulkind.
Ich war Konfirmand.
Ich war Auszubildender.
Ich war Mitarbeiter.
Ich war Clubmitglied.
Ich war Familienvater.
Ich war jemand, der Geld nach Hause brachte.
Ich war Urlauber.
Alles nur Teilzeitrollen.
Ein Schauspieler würde sagen: Alles nur ein kurzes Engagement. Rollen, die ich mal kurz gespielt habe. Weil ich dazu gezwungen wurde. Weil ich nicht mehr darüber nachgedacht habe. Weil da das Geld herkam. Weil das alle so machen.
Und wie bei einem Schauspieler muss man am Ende – oder gegen Ende – irgendwann auch eine Antwort geben.
Das und das war ich.
Das alles habe ich gespielt.
Das habe ich gespielt aus Zwang, Geld zu verdienen, Anerkennung zu bekommen.
Aber wer bin ich wirklich?
Ein Schauspieler geht abends oder nachts nach Hause und weiß genau: Er hat heute nur eine Rolle gespielt. Er war nicht authentisch. Er hat wegen des Geldes, der Anerkennung oder aus anderen Gründen nur eine Rolle gespielt.
Ich war nicht wirklich von innerstem Herzen jemand, der den Siemens-Aktionären noch mehr Milliarden bescheren wollte.
Ich frage mich: Ist es wirklich der Sinn meines Lebens, Urlaubern, die noch nicht oft genug in Venedig waren, Venedig noch besser zu erklären?
Oder den Gondolieri einen Kunden zu vermitteln und zehn Prozent Provision abzuknöpfen?
Authentizität und die Frage „Wer bin ich?“ kommen auch deshalb immer dringlicher auf mich zu, weil ich mich frage:
Was bleibt?
Was bleibt außer einer Handvoll Asche? Selbst aus meinen Bildern bleibt letztendlich nur Asche.
Zum Thema Authentizität gehört auch das Thema Ehrlichkeit.
Ehrlichkeit erschwert auch die Authentizität – zumindest bei mir. Ehrlich zu mir selbst zu sein und ehrlich zu den anderen. Und schon wieder die Aufforderung, die Maske fallen zu lassen. Unmaskiert, nackig durchs Leben zu gehen. Es könnte ja jemand merken, wer ich wirklich bin. Wie wenig ich wirklich bin. Wie winzig ich wirklich bin.
Da behalte ich schon lieber meine Maske und bin nicht authentisch.
Ehrlichkeit gehört auch dazu, ehrlich zu sein bei der Beurteilung, beim Rückblick auf sein Leben. Da war nicht alles Gold, was glänzt.
Und die Frage: Warum soll überhaupt alles glänzen?
Auch ehrlich zu sein zu den anderen.
Und dann gibt es wieder ein Echo in mir, einen Widerhall in mir, eine Resonanz in mir mit dem, was Nelson Mandela sagte: „Unsere tiefste Angst ist nicht, unzulänglich zu sein. Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich mächtig, stark, fähig sind.“
Das merke ich mir, wenn ich mit den Alten vom BFB zusammen bin. Die jammern mir die Hucke voll. Und dann soll ich ehrlich sein auf die Frage: „Wie geht’s dir?“ Und sagen: „Herrlich. Prächtig. Ich freue mich auf jeden Tag. Das Leben ist so was von geil. Besonders meins.“
Das wollen die gar nicht hören. Also bin ich hier wieder ein Stückchen Schauspieler. Bin wieder unehrlich. Also sage ich: „Ja, es geht so.“ Und das ist dann gelogen und nicht authentisch.