Ich könnte mich jedes Mal aufregen, wenn ich in Fotolehrbüchern oder Workshops wieder dieselben Beispiele sehe. Diese zwanghafte Regel: Bloß nichts in die Mitte setzen. Als wäre die Bildmitte ein fotografisches Tabu. Verpönt. Verboten. Unkreativ.
Stattdessen wird ständig von „Dynamik“, „Spannung“ und „Bewegung“ gesprochen. Die Mitte gilt als langweilig, als statisch, als Ausdruck von fehlender Fantasie. Ja, Ruhe und Stabilität – das wird dann gnädig noch akzeptiert. Aber warum muss Stabilität automatisch langweilig sein? Diese Gleichsetzung geht mir ehrlich gesagt gehörig auf die Nerven.
Was mich besonders stört: Motive, die von sich aus einzigartig sind, deren reine Existenz schon die ganze Aussage des Bildes trägt, werden krampfhaft nach links, rechts, oben oder unten verschoben. Nicht, weil es dem Bild dient – sondern weil es „regelkonform“ ist. Damit bloß niemand etwas auszusetzen hat. Damit es aussieht wie ein gutes Foto, nicht wie ein ehrliches.
Und dann stehe ich als Betrachter davor und frage mich: Wohin soll mein Auge eigentlich? Vom Motiv wandert es in den leeren Raum – gern auch „toter Raum“ genannt. Allein dieser Begriff! Wie martialisch, wie aus einer Kriegsrhetorik geboren. Tot. Leer. Nutzlos. Dabei fragt sich mein Auge schlicht: Warum ist hier nichts? Und warum ist das eigentliche Motiv dort drüben an den Rand gedrängt?
Ich ertappe mich dann bei absurden Gedankenspielen:
Ist es eine politische Aussage, wenn das Motiv nach links oder rechts verschoben wird?
Ist es eine soziale Aussage, wenn es im Hochformat ganz oben oder ganz unten klebt?
Oder ist es einfach nur der Reflex, bloß nicht anzuecken?
Beim heutigen Bild – dem verzerrten Spiegelbild eines Baumes in der Loisach – war mir das egal. Das Motiv trägt sich selbst. Es braucht keine Ausweichbewegung, keine Rechtfertigung über Drittelregeln oder Lehrbuchweisheiten. Manchmal darf ein Bild einfach sagen: Hier bin ich. Schau mich an.
Nicht jede Mitte ist langweilig. Nicht jede Verschiebung ist spannend. Und nicht jede Regel macht ein Bild besser.
Manchmal macht sie es einfach nur: nervig.
